Mittwoch, 30. Oktober 2019
Kann ich gleichzeitig bei mir und bei jemand anderem sein?
ahc, 10:11h
“[...] Eine Person kann sich zweier Szenen, Objekte oder Perzepte der gleichen Modalität in ein und demselben Moment nicht gleichzeitig bewusst sein (wie der Neckerkubus, Gestaltbilder wie die uneindeutige junge Frau/alte Frau Figur, und inkongruente Inputs in zwei Augen in Studien zur binokularen Rivalität zeigen). Genauso ist es auch mit Vergnügen und Missvergnügen. Bewusstes Erfahren kann sich mit hoher Geschwindigkeit verschieben (geschätzt auf ungefähr 100-150ms pro bewusstem Moment, Edelman & Tononi 2000, Gray 2004), so dass es einfach ist, sehr schnell zwischen alternativen Erfahrungen hin und herzuwechseln und beide Erfahrungen in einer gedächtnisbasierten Bewertung zusammenzufassen. Eigentlich findet solche Forschung, die das Zeitfenster momentaren Erlebens spezifisch begrenzt, keine dialektischen Repräsentationen, die zeitgleich an einzelnen Momenten existieren (Leu et al. 2006, Scollon et al. 2005, Yik 2006). Demzufolge ist es sehr unwahrscheinlich, dass Vergnügen und Missvergnügen in Echtzeit gleichzeitig auftreten, auch wenn Menschen die Inhalte des Erlebens schnell von einem Moment auf den anderen wechseln und dann den erlebten Inhalt zusammengefasst im Gedächtnis speichern können. Wie sonst auch, geht es letzten Endes wieder um die Präzision wissenschaftlicher Sprache, nämlich, was jemand in dem Satz ‚Menschen können (oder können eben nicht) zwei Dinge gleichzeitig fühlen.‘ mit ‚gleichzeitig‘ meint. Dasselbe Argument kann auch in Bezug auf emotionale Komplexität oder auf gleichzeitiges Fühlen von mehr als einer Emotion angeführt werden (Charles 2005).” (S. 378, Fußnote 5, Übers. ahc).
..und dementsprechend wahrscheinlich auch in Bezug auf “gleichzeitig bei mir und jemand anderen“ sein.
Aus: Barrett, L. F., Mesquita, B., Ochsner, K. N., & Gross, J. J. (2007). The experience of emotion. Annual Review of Psychology, 58, 373–403. https://doi.org/10.1146
..und dementsprechend wahrscheinlich auch in Bezug auf “gleichzeitig bei mir und jemand anderen“ sein.
Aus: Barrett, L. F., Mesquita, B., Ochsner, K. N., & Gross, J. J. (2007). The experience of emotion. Annual Review of Psychology, 58, 373–403. https://doi.org/10.1146
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Dienstag, 25. Juni 2019
Sensorisches Gewahrsein möglicherweise verlernt
ahc, 10:55h
„Die Familie spielt ein informelles Spiel während des Abendessens. Es ist Weihnachtszeit und Prunkstück ist ein kerzenbeleuchtetes Weihnachtskarussell [...]. Das Spiel ist eine Version von Ich-sehe-was-was-Du-nicht-siehst. Der achtjährige Peter ist dran; er hat etwas am Karussel entdeckt und der Rest der Familie fragt mit Ja/Nein-Fragen, um zu erraten, was Peter sich ausgesucht hat: Bewegt es sich? Nein. Ist es aus Holz? Ja. Ist es weiß oder teilweise weiß? Ja. Die Kinder lieben dieses Spiel, welches sie sich ausgedacht und über die Jahre immer mehr verfeinert haben. Letztendlich gibt die Familie auf und will von Peter wissen, was er sich ausgesucht hat; er sagt es seinen die Bälle, die auf den Zaunpfählen rund um die Fläche des Karussels steckten. ‘Peter! Das ist gar kein Weiß auf diesen Bällen! Sie sind komplett rot!’ Und das sind sie, objektiv gesehen, einheitlich rot angemalt, kein Fleck weißer Farbe auf ihnen. Die Familie unterhält sich unbeschwert darüber, wieviel einfacher es gewesen wäre, hätte Peter die korrekte Antwort auf die Frage seines Bruders ‘Ist es weiß oder teilweise weiß?’ gegeben. Peter steigt nicht in die Unterhaltung ein.
Ein sorgfältigerer Blick auf die roten Bälle zeigt jedoch, dass auf jedem die Reflektion von zwei angrenzenden Kerzenflammen zu sehen ist, zwei kleine Punkte von erlebtem Weiß auf den, objektiv gesehen, einheitlich roten Bällen. Diese Punkte sind winzig und zählen für niemanden zu ‘weiß’ außer für Peter, der möglicherweise sensorisch mehr gewahr ist als irgendjemand anderes aus der Familie. Aber, in der Tat, sind sie, wenn man genau hinschaut, im Erleben weiß. Peter wurde (natürlich auf sehr milde Weise) bestraft für seine sensorische Sensitivität, und er hat nicht das Selbstvertrauen, sich selbst zu verteidigen.
Wir spekulieren, dass innere Erfahrungen (sensorisches Gewahrsein, inneres Sprechen, inneres Sehen, etc.) Fähigkeiten sind, die während der Entwicklung angeeignet werden. Peter hat seine kleine Lektion gelernt: dass sensorisches Gewahrsein nicht zählt; dass du bestraft wirst, wenn du über sensorisches Gewahrsein sprichst. Wir spekulieren, dass eine lange Reihe von solchen Ereignissen – in der Familie, im Klassenzimmer und letzten Endes auch am Arbeitsplatz – dazu führt, das Peters sensorisches Gewahrsein verkümmert oder in den Untergrund geht: er wird nicht darüber sprechen, nicht mal zu sich selbst; er wird verlegen, wenn er irgendwie dazu gedrängt wird, darüber zu reden [...]; er wird abstreiten, dass er es [dieses Gewahrsein; ahc] hat; er wird sich in seinen Narrativen über sich selbst nicht wirklich mit der Tatsache identifizieren, dass er es hat.” (S. 248f; frei übersetzt von ahc)
Direktzitat aus:
Hurlburt, R. T., Heavey, C. L., & Bensaheb, A. (2009). Sensory awareness. Journal of Consciousness Studies, 16(10-12), 231-251.
Ein sorgfältigerer Blick auf die roten Bälle zeigt jedoch, dass auf jedem die Reflektion von zwei angrenzenden Kerzenflammen zu sehen ist, zwei kleine Punkte von erlebtem Weiß auf den, objektiv gesehen, einheitlich roten Bällen. Diese Punkte sind winzig und zählen für niemanden zu ‘weiß’ außer für Peter, der möglicherweise sensorisch mehr gewahr ist als irgendjemand anderes aus der Familie. Aber, in der Tat, sind sie, wenn man genau hinschaut, im Erleben weiß. Peter wurde (natürlich auf sehr milde Weise) bestraft für seine sensorische Sensitivität, und er hat nicht das Selbstvertrauen, sich selbst zu verteidigen.
Wir spekulieren, dass innere Erfahrungen (sensorisches Gewahrsein, inneres Sprechen, inneres Sehen, etc.) Fähigkeiten sind, die während der Entwicklung angeeignet werden. Peter hat seine kleine Lektion gelernt: dass sensorisches Gewahrsein nicht zählt; dass du bestraft wirst, wenn du über sensorisches Gewahrsein sprichst. Wir spekulieren, dass eine lange Reihe von solchen Ereignissen – in der Familie, im Klassenzimmer und letzten Endes auch am Arbeitsplatz – dazu führt, das Peters sensorisches Gewahrsein verkümmert oder in den Untergrund geht: er wird nicht darüber sprechen, nicht mal zu sich selbst; er wird verlegen, wenn er irgendwie dazu gedrängt wird, darüber zu reden [...]; er wird abstreiten, dass er es [dieses Gewahrsein; ahc] hat; er wird sich in seinen Narrativen über sich selbst nicht wirklich mit der Tatsache identifizieren, dass er es hat.” (S. 248f; frei übersetzt von ahc)
Direktzitat aus:
Hurlburt, R. T., Heavey, C. L., & Bensaheb, A. (2009). Sensory awareness. Journal of Consciousness Studies, 16(10-12), 231-251.
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