Freitag, 12. Juli 2019
Psychische Störungen als Fehlanpassung an Lebensbedingungen
ahc, 11:00h
[Krümel]
Sogenannte “Fehlanpassungskrankheiten” (“mismatch diseases”) sind “definiert als Krankheiten, die daher entstehen, dass unsere steinzeitlichen Körper schlecht oder inadäquat an bestimmte moderne Verhaltensweisen und Bedingungen angepasst sind“ (Kap. 7, freie Übers. ahc).
Nach dem Evolutionsbiologen David Lieberman aus Harvard sind viele Fehlanpassungskrankheiten psychische Störungen, z.B.
Alzheimer
Chronisches Erschöpfungssyndrom
Depression
Essstörungen
Fibromyalgie
Bluthochdruck
Zwangsstörungen
und möglicherweise viele mehr (Tab. 3).
Liebermans Ausführungen passen gut zu der Idee der organismischen Selbst-regulation in einem Organismus/Umgebung-Feld. Der Autor führt viele Beispiele an, wie unsere evolutionsentwickelten Körper plötzlich in Konflikt geraten mit dem modernen Leben („steinzeitliche Körper in einer post-steinzeitlichen Welt“), u.a. bei Themen wie Krebsentstehung, in Schuhen vs. barfuß laufen, Nichtnutzung unserer Fähigkeiten, Übergewicht, ausufernde Hygiene („nur weil wir mit außergewöhnlicher Sauberkeit und Komfort leben können heißt das nicht, dass dies auch gut für uns sei“), Diabetes, Kurzsichtigkeit, etc.
Ein Beispiel zu den Auswirkungen des Sitzens (Kap. 12):
„Wenn Du in einem Standardstuhl sitzt, sind Deine Hüften und Knie rechtwinklig geknickt, eine Position, die deinen Hüftbeugemuskel permanent verkürzen kann. Wenn Du dann stehst, sind Deine verkürzten Hüftbeuger angespannt, so dass sie Dein Becken nach vorn neigen und so zu einer übertriebenen Lendenwirbelkurve führt. Der hintere Oberschenkelmuskel muss sich dann zusammenziehen, um dieser Krümmung entgegenzuwirken, was das Becken nach hinten neigt, was wiederum zu einer flachen Rückenhaltung führt und die Schultern nach vorn krümmt. Glücklicherweise erhöht Dehnen die Muskellänge und Muskelflexibilität effektiv.”
Eine Schlussfolgerung ist: „Jäger-und-Sammler benutzen ihre Rücken moderat – weder so intensiv wie Bauern, noch so minimal wie sitzende Büroarbeiter.“
Ein weiteres faszinierendes Ergebnis (zumindest für mich) betrifft das schmerzhafte Durchbrechen von Weisheitszähnen, das gemäß den Ausführungen des Autors auf zu wenig Kauen im Kindesalter zurückzuführen ist (was evtl. zu der Entwicklung von kleineren Kiefern führe, die nicht groß genug für Weisheitszähne seien). Noch ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass die Knochenstärke beim Menschen anscheinend nach dem Motto „keine Beanspruchung, kein Zugewinn“ bis zum 20.-25. Lebensjahr festgelegt ist (“danach kannst Du wenig machen, um Deine Knochen größer zu machen, und bald danach beginnt dein Skelett für den Rest Deines Lebens an Knochenmasse zu verlieren“).
Original:
Lieberman, D. (2013). The story of the human body: Evolution, health, and disease. New York: Pantheon Books.
Auf Deutsch:
Lieberman, D. (2015). Unser Körper - Geschichte, Gegenwart, Zukunft. Frankfurt a. M.: Fischer.
Sogenannte “Fehlanpassungskrankheiten” (“mismatch diseases”) sind “definiert als Krankheiten, die daher entstehen, dass unsere steinzeitlichen Körper schlecht oder inadäquat an bestimmte moderne Verhaltensweisen und Bedingungen angepasst sind“ (Kap. 7, freie Übers. ahc).
Nach dem Evolutionsbiologen David Lieberman aus Harvard sind viele Fehlanpassungskrankheiten psychische Störungen, z.B.
Alzheimer
Chronisches Erschöpfungssyndrom
Depression
Essstörungen
Fibromyalgie
Bluthochdruck
Zwangsstörungen
und möglicherweise viele mehr (Tab. 3).
Liebermans Ausführungen passen gut zu der Idee der organismischen Selbst-regulation in einem Organismus/Umgebung-Feld. Der Autor führt viele Beispiele an, wie unsere evolutionsentwickelten Körper plötzlich in Konflikt geraten mit dem modernen Leben („steinzeitliche Körper in einer post-steinzeitlichen Welt“), u.a. bei Themen wie Krebsentstehung, in Schuhen vs. barfuß laufen, Nichtnutzung unserer Fähigkeiten, Übergewicht, ausufernde Hygiene („nur weil wir mit außergewöhnlicher Sauberkeit und Komfort leben können heißt das nicht, dass dies auch gut für uns sei“), Diabetes, Kurzsichtigkeit, etc.
Ein Beispiel zu den Auswirkungen des Sitzens (Kap. 12):
„Wenn Du in einem Standardstuhl sitzt, sind Deine Hüften und Knie rechtwinklig geknickt, eine Position, die deinen Hüftbeugemuskel permanent verkürzen kann. Wenn Du dann stehst, sind Deine verkürzten Hüftbeuger angespannt, so dass sie Dein Becken nach vorn neigen und so zu einer übertriebenen Lendenwirbelkurve führt. Der hintere Oberschenkelmuskel muss sich dann zusammenziehen, um dieser Krümmung entgegenzuwirken, was das Becken nach hinten neigt, was wiederum zu einer flachen Rückenhaltung führt und die Schultern nach vorn krümmt. Glücklicherweise erhöht Dehnen die Muskellänge und Muskelflexibilität effektiv.”
Eine Schlussfolgerung ist: „Jäger-und-Sammler benutzen ihre Rücken moderat – weder so intensiv wie Bauern, noch so minimal wie sitzende Büroarbeiter.“
Ein weiteres faszinierendes Ergebnis (zumindest für mich) betrifft das schmerzhafte Durchbrechen von Weisheitszähnen, das gemäß den Ausführungen des Autors auf zu wenig Kauen im Kindesalter zurückzuführen ist (was evtl. zu der Entwicklung von kleineren Kiefern führe, die nicht groß genug für Weisheitszähne seien). Noch ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass die Knochenstärke beim Menschen anscheinend nach dem Motto „keine Beanspruchung, kein Zugewinn“ bis zum 20.-25. Lebensjahr festgelegt ist (“danach kannst Du wenig machen, um Deine Knochen größer zu machen, und bald danach beginnt dein Skelett für den Rest Deines Lebens an Knochenmasse zu verlieren“).
Original:
Lieberman, D. (2013). The story of the human body: Evolution, health, and disease. New York: Pantheon Books.
Auf Deutsch:
Lieberman, D. (2015). Unser Körper - Geschichte, Gegenwart, Zukunft. Frankfurt a. M.: Fischer.
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